Kung Fu, Shaolin und Chan-Buddhismus in Europa

Fernöstliche Lebens-Kunst

Viele Tempel, viele Meister – wer sich mit dem Shaolin Kung Fu in Europa befassen möchte, wird sehr bald feststellen, dass es mehr als eine Richtung gibt. Neben einem einzigen anerkannten Kloster finden sich zahlreiche Orte, die wenig mit den Shaolin-Mönchen zu tun haben. Es mag sein, dass der Tagesablauf sich noch nicht einmal unähnlich ist. Das Üben der Tierstile, Meditation, eine Lebensführung nach den Regeln des Buddhismus.

Von Henan aus in die Welt

Die religiöse Grundlage des Shaolin-Ordens, der Chan-Buddhismus, wurde alten Überlieferungen nach von budhysmusBodhidharma ins Leben gerufen. Er führte diese Anschauung, diese Lebensführung im Shaolin-Kloster in der nordchinesisschen Provinz Henan ein. Und es ist durchaus möglich, dass Bodhidharma dort auch bereits die Kampfkunst des Kung Fu lehrte, jedenfalls berichten Quellen davon.

Da in der Chinesischen Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 die Mönche aus dem Kloster vertrieben wurden, lag es nahe, dass sich die Kunst des Kung Fu über die ganze Welt verbreitete. Dank der ständig wachsenden Beliebtheit der Eastern mit ihren großen Stars, die ebenfalls um diese Zeit immer mehr Fans fanden, nahm auch die Anhängerschaft des Kung Fu ständig zu. Gruppen von Shaolin-Mönchen reisten ab Mitte der 1990er durch alle Länder und führten vor Publikum die traditionsreiche Kampfkunst vor.

Shaolin und Chan-Buddhismus in Europa

Shaolin-TempelUm das Jahr 2000 wurden in Europa die ersten Shaolin-Tempel errichtet. Tempel als religiöse Andachtsstätten, als Raum für ein Leben nach den Grundsätzen des Chan-Buddhismus, als Platz für Meditation in Ruhe und in Bewegung – Kung Fu. Die Shaolin Europe Association, die sich als einzig wahre Bewahrerin der Shaolin-Traditionen in Europa sieht, gründete 2000 in London den ersten Tempel. 2002 folgte ein weiterer in Wien, der eine Niederlassung des Tempels in New York war. 2005 erhielt Deutschland mit Berlin einen Tempel, ein weiterer folgte 2011 in Wien.

In Wien war es auch, wo am 01. September 2010 die Shaolin Europe Association (SEA) e.V. gegründet wurde. Sie ist eine Dachorganisation für ganz Europa. Der Verein betrachtet es als seine Aufgabe, überliefertes Wissen und authentische Kultur des Shaolin-Ordens in Europa zu verbreiten und zu bewahren.

Ein Leben mit Buddhismus

Abt des Tempels in Berlin, den die Shaolin Europe Association als einzig wahren in Deutschland betrachtet, ist Shi Yong Chuan. Der buddhistische Großmeister wird als ranghöchster Mönch in Europa angesehen. Gleichzeitig ist er Abt des Shaolin Tempels Deutschland mit Sitz in Berlin und des Fördervereins Shaolin Tempel Deutschland e.V.. Mit zur SEA gehört die Kung Fu Academy Shaolin in Kaiserslautern.

Shi Yong Chuan wiederum wurde vom Abt des Shaolin Klosters in Henan, Seine Heiligkeit Shi Yong Xin, 2002 nach Deutschland entsandt. Er sollte dort neben den Kampfkünsten den buddhistischen Glauben unterrichten. Im Tempel werden Novizen aufgenommen, die in seiner Obhut sind. Shaolin Qi Gong und Chan-Meditation werden ebenfalls vom Abt unterrichtet und überwacht. All diese Fächer hatte er in seiner Heimat studiert und bei Gelehrten zusätzliches Wissen erworben.

zeremonieDie Aufgabe des Abtes ist es auch,

religiöse Zeremonien im Tempel zu feiern. Dabei ist in Berlin der Buddhismus auch für andere Glaubensgemeinschaften offen. Jeder darf an den Veranstaltungen teilnehmen. Im gemeinsamen Gebet wird um Frieden und Wohlergehen, um Gesundheit und um die Kraft, nicht so gute Zeiten ertragen zu können, angerufen. Hochzeitszeremonien gehören ebenso wie Rituale für Verstorbene zu den Aufgaben des Abtes Shi Yong Chuan.

Sicher ist ein strenger, buddhistischer Tagesablauf, wie er von den Klöstern in Asien bekannt ist, nicht jedermanns Sache. Die buddhistische Grundhaltung jedoch findet man in vielen Kampfkünsten, vor allem im Kung Fu vor. Hier steht nicht die Selbstverteidigung als Übungsziel im Vordergrund. Ergebnis der immer wiederkehrenden Übungen sollen die Festigung des Charakters, die Stärkung des Geistes und die Stählung des Körpers sein. Ein einheitliches Konzept, das wiederum sehr wohl zum europäischen Lebensstil – oder besser gesagt, zu dem, was viele Menschen wieder anstreben, passt.

Meditation im Hier und Jetzt

buddhist monk in meditation pose with colorful Chakras over black background

Chan-Meditation ist ein Teil des Unterrichtes im Shaolin-Tempel in Berlin. Für die Mönche ist sie der Weg zu einer höheren spirituellen Entwicklung. Ein Weg hin zur Vollkommenheit, an der tagtäglich gearbeitet wird, und die doch unerreichbar bleibt. Für die westlichen Schüler ist das ruhige Sitzen fast immer zunächst ungewohnt. Die Füße schmerzen, der Rücken brennt. Doch nach und nach gelingt es immer besser abzuschalten. Sich ganz dem Alltag zu entziehen und ganz in sich zu ruhen ist eine Fähigkeit, die im Alltag, egal ob Schule, Beruf oder im privaten Umfeld, sehr viel Gelassenheit verleiht und Stress minimiert.

Scheinbar leichter fällt Europäern meist das, was Shaolin-Mönche “Meditation in der Bewegung” nennen, nämlich das Üben der verschiedenen Kampfkunsttechniken. Diese Bewegungen nicht einfach schnell zu erledigen, sondern langsam, präzise und das viele, viele Male auszuführen, erfordert allerdings höchste Konzentration. Jede der fünf Tierformen stärkt einen eigenen Bereich. Der Drache gilt als Mentaltraining, die Schlange für die Dehnung, der Tiger stärkt, der Leopard macht schnell und der Kranich dient der Vitalität. Auch hier ist, wie bei der Chan-Meditation, das Ziel eine höhere Ebene, nicht nur körperlich, sondern spirituell.

Weg der Vollendung

Um den Weg zur Vollendung zu gehen, ihn gehen zu lernen, muss man aber nicht Novize im Berliner Tempel sein. Und man muss auch nicht das große Ziel haben, eines Tages im Show-Team des Shaolin-Tempels zu stehen und mit ihm große Veranstaltungen besuchen zu können. Selbst wer nur für sich, in kleinen Schritten, Entspannungstechniken wie Tai Chi und Qi Gong, die Kampfkunst des Kung Fu oder Mediation erlernen will, ist im Unterricht willkommen.

Eines gilt aber für alle Übenden in Europa: das Wu Dé. In diesem Regelwerk werden die wichtigsten Tugenden der Schüler – und der Meister – beschrieben. Barmherzigkeit, Selbstbeherrschung und Bescheidenheit sind auch hier unerlässlich. Demut, Achtung und Loyalität gehören ebenfalls zu den Tugenden, die es zu erlernen gilt. In Anbetracht der angespannten Lage zwischen den einzelnen Gruppierungen wäre es erstrebenswert, diese Tugenden zu erreichen. Zum Wohle des Gedanken des Shaolins.

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